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Digitale Innovation | Business Transformation Frische Triebe auf starkem Grund

Schnell und mutig agierende Start-ups prägen mit disruptiven Ideen
viele Branchen. Konzerne sollten in Technologien wie Big Data,
Analytics oder Cloud investieren und den Schulterschluss mit
visionären Firmengründern suchen. Deren vielversprechende
Innovationen können dann gemeinsam auf den
Markt gebracht werden.

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Einen Herd mit eingebautem Kochbuch und Geling-garantie präsentierten die Entwickler des Hausgeräte-herstellers Miele zur Hannover Messe. Der Nutzer lädt ein Rezept von der Miele-Webseite aufs Smartphone, der Ofen holt die richtigen Einstellungen via Microsoft Azure automatisch aus der Cloud. Festgelegt werden Temperatur, Betriebsart, Garzeit und weitere Faktoren. „Ein Verbraucher, der nicht viel Ahnung von Risotto hat, ist vielleicht einfach nur froh, wenn er ein Grund-rezept runterladen kann, um die Zubereitung Schritt für Schritt zu erlernen“, erklärt der geschäftsführende Gesellschafter Markus Miele diese innovative Idee.

Mobilgerät, Sensor, Cloud, zur Steuerung eine App – nur wenige durch die Digitalisierung getriebene Geschäftsmodelle und Produktideen kommen ohne diese Zutaten aus. Für Furore sorgte im Sommer ein smarter Bikini, der vor Sonnenbrand warnt. Sein UV-Sensor alarmiert das Smartphone, falls es im Freien gefährlich wird. Solche Apps erleichtern das Leben. BMW-Fahrer wählen im ConnectedDrive Store den gewünschten Service. Die Lufthansa-App erleichtert Suchen, Buchen und Einchecken. 

Auch im beruflichen Umfeld helfen die Programme. Bei Trumpf sind Maschinen via Tablet bedienbar. Landmaschinen-hersteller Claas optimiert im Pflanzenbau die Dokumentation mit einer App. Dialysespezialist Fresenius Medical Care liefert die Kalkulatoren für die akute Nierenersatztherapie für iPhone oder iPad. Warum die App als Synonym für den Einsatz digitaler Technologien steht, erklärt ein Blick auf die Zahlen: 2015 gab es im App Store von Apple 1,5 Millionen Miniprogramme. Für 2017 erwarten Experten weltweit 270 Milliarden Downloads.

App als Synonym für Digitalisierung

Für Frank Riemensperger ist die Bedeutung von Apps bei der Digitalisierung offenkundig. „Unter der Anwenderoberfläche stecken die vier großen Trends Social, Mobile, Analytics und Cloud, die für kunden-orientierte Funktionen sowie die Auswertung des Nutzerverhaltens andererseits sorgen“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung von Accenture Deutschland. 

Die App habe jedoch keinen Selbstzweck: „In erster Linie geht es um internetbasierte Geschäftsmodelle, sogenannte Smart Services, und dafür gilt es, nicht nur Apps, sondern jede digitale Technologie richtig zu nutzen.“ Wie, zeigt das Digital Acceleration Center von Accenture in Bonn. Es vermittelt einen konkreten Eindruck der digitalen Zukunft, von Apps über Smart Home bis zu Industrie 4.0. „Jedes Unternehmen braucht eine digitale Vision, um Wachstumsimpulse zu setzen“, so Riemensperger. „Mit neuesten Techno-logien und dem Branchen-Knowhow unserer Mit-arbeiter helfen wir, die jeweils passende Digitali-sierungsstrategie zu entwickeln und umzusetzen.“

Enormes Wachstum bei Big Data

Wichtig dafür sind Ideen und Infrastruktur. Doch die technische Ausstattung der Konzerne lässt oft zu wünschen übrig. Eigentlich sollten Cloud, Big Data und Analytics zum kleinen Einmaleins jedes CIO gehören, ihre Bedeutung ist bereits enorm. „Big Data und damit verbundene Dienstleistungen dürften 2015 

einen Umsatz von 17 Milliarden Dollar erreichen“, sagt Roberto V. Zicari, Leiter des Big Data Lab der Goethe-Universität in Frankfurt. „Das Wachstum wird mit 40 Prozent das Siebenfache des Durchschnitts der Informations- und Kommunikationstechnologie betragen.“

Aber es bleiben ungenutzte Potenziale, wie Accentures NACIndex zeigt. Die Studie „The Growth Game-Changer“ untersucht, wie eine Volkswirtschaft vom Industrial Internet of Things profitiert. Während die Schweiz knapp auf die führenden USA folgt, erreicht Deutschland Platz zehn. Führende Konzerne haben sich besser aufgestellt, so die Untersuchung „Mut, anders zu denken: Digitalisierungsstrategien der deutschen Top500“. Im Schnitt steigerten sie sich beim Digitalisierungsindex, der digitale Strategie, digitale Angebote und digitale Prozesse bewertet, um zehn Prozent – wobei das Digitalisierungsniveau insgesamt immer noch als „durchschnittlich“ gilt. über das Bankgewerbe schreibt die „Wirtschaftswoche“, Rentner zögen als Experten für 2.000 Euro pro Tag 

von einem Institut zum anderen, da nur sie die Programmiersprache Cobol aus den Achtzigerjahren beherrschten, die immer noch die Basis vieler IT-Systeme bildet. Erste Konzerne haben Konsequenzen gezogen und modernisieren ihre IT-Infrastruktur, oft als Kombination aus Konsolidierung und Umzug in die Cloud. ThyssenKrupp bringt für einen dreistelligen Millionenbetrag rund 80.000 Computerarbeitsplätze und 10.000 Serversysteme in 34 Ländern in die Cloud, um die Kollaboration durch gleiche Anwendungen und einheitliche Plattformen mit konsistenten Daten und Analysen zu erleichtern. Lufthansa investiert in zukunftsfähige Strukturen für Analytics und mobile Lösungen. „Wir werden Zugriff auf neueste IT-Technologien für unsere Unternehmen schaffen“, betont Finanzvorstand Simone Menne. „Nicht nur, um zu sparen, sondern auch, um die Digitalisierung der Geschäftsprozesse weiter voranzutreiben und diese noch effizienter zu gestalten.“ 

In Österreich hat bereits jedes vierte Großunter-nehmen einen Cloud-Dienstleister, in der Schweiz soll 

2016 jedes zweite zumindest Serverleistung aus der Cloud beziehen. Erleichtert wird dies durch Lösungen wie die Accenture Hybrid Cloud Solution for Microsoft Azure. Die hybride Cloud-Plattform ermöglicht es, die Vorteile der Cloud zu nutzen und sie wie eine traditionelle IT-Umgebung zu verwalten. Unternehmen können Cloud-Anwendungen einbinden und alles „as a Service“ liefern. So lassen sich Innovationen schneller auf den Markt bringen und Geschäftsfelder erschließen.

Zu wenig digitale Innovationen

Hier liegt die zweite Herausforderung auf der Suche nach digitalen Innovationen und Geschäftsmodellen – nur mit guten Ideen sind neue Märkte zu erobern oder in alten Umsatzanteile zu gewinnen. Damit tun sich viele Konzerne laut Studie Top500 schwer. Vor allem investieren sie ins Digitalisieren der internen Prozesse und der Interaktion mit dem Kunden. Für nur 16 Prozent hat die Digitalisierung der Geschäftsmodelle hohe Priorität, nur jeder fünfte legt in Forschung und 

Entwicklung den Fokus auf die Digitalisierung. „Es gibt so gut wie keinen Bereich, der sich derzeit nicht mit der Digitalisierung beschäftigt“, meint etwa Deutsche-BahnVorstandschef Rüdiger Grube. „Wir arbeiten derzeit an über 150 Projekten, vom Personen- über den Güterverkehr und die Logistik bis hin zur Infrastruktur, der Produktion und unserer IT.“ Die Stoßrichtung: Kunden sollen besser informiert werden und leichter ans Ziel kommen, etwa mithilfe neuer Funktionen der Smartphone-App „DB Navigator“, wo sie auf einer Karte den Weg von der Haustür bis zum richtigen Wagen auf dem Abfahrtsgleis sehen. Und Anlagen sollen per digitaler Datenübertragung mit der zentralen Überwachungsstelle im Bahnhof kommunizieren, um Störungen im Betrieb zu melden.

Druck durch neue Wettbewerber

Das ist wichtig, doch in jeder Branche sind die Platzhirsche ohne weitergehende Innovationsprozesse verwundbar durch Attacken von denen, die anders ticken. „Mit digitalen Geschäftsmodellen bietet die 

neue Energiewirtschaft schon Mehrwert für die Verbraucher“, so Robert Busch, Geschäftsführer des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft. „Nur so können wir verhindern, dass uns etablierte Player aus der Digitalwirtschaft links und rechts überholen.“ Das geschieht oft: Banken geraten unter Druck von Internetkonzernen wie Google oder kleinen Fintechs mit praktischen Apps für Finanzdienstleistungen. Reiseveranstalter und Transportunternehmer leiden unter Appbasierten Börsen à la Airbnb oder Uber, die klassische Vermittler und Dienstleister ersetzen. Handelshäuser konkurrieren mit Onlinemarktplätzen für Spezialprodukte sowie dem Riesen Amazon, der laufend neue Ideen hat: frische Lebensmittel verkaufen, per Drohne ausliefern, Zustellung am gleichen Tag und so weiter. 

Immer mehr Konzerne reagieren auf diese Bedrohungen, indem sie außerhalb der eigenen Organisation nach Anregungen suchen, vor allem bei Start-ups oder Hochschulen, aus denen viele Ausgründungen hervorgehen. Jeder fünfte große Industriebetrieb investiert nach einer Studie des 

Forsa-Instituts in Start-ups, um Innovationen zu fördern und für sein Geschäft nutzbar zu machen. Die Deutsche Telekom leistet sich das Accelerator-Programm Hubraum, Allianz den Digital Accelerator, Otto den VentureCapital-Spezialisten e.ventures. Und Konzerne wie EnBW, Airbus oder die Deutsche Bahn unterstützen das Startup-Bootcamp Berlin.

Reibungslos klappt diese Zusammenarbeit nicht immer. Oft sind Unternehmenskultur und Denkmuster inkompatibel. Daher ist es sinnvoll, wenn Konzerne bei der Suche nach kleinen Partnern externe Dienstleister mit Erfahrung in dem Bereich nutzen und sich von ihnen bei der Zusammenarbeit auch im Tagesgeschäft unterstützen lassen. Von sogenannten Brückenbauern können Kooperationen eingefädelt, Konflikte entschärft, Risiken abgefedert und Pilotprojekte begleitet werden, erklärt auch die Accenture-Studie „Bridgemakers: Guiding Enterprise Disruption through Open Innovation“. 

Außerdem sollten Konzerne offener für unkonven-tionelle Arten der Ideenfindung werden. Gutes Beispiel dafür: die TEDx-Treffen. Statt die eigene Organisation mit Vorgabe einer neuen Innovationskultur zu überfordern, können engagierte Mitarbeiter in solchen hierarchiefreien Diskussionsrunden eigene Ideen entwickeln, neue Eindrücke gewinnen und Kontakt zu vielversprechenden Start-ups herstellen wie beim Datanauts Pitchday von TEDxRheinMain unter dem Motto „Decoding the Future“ zum Thema Big Data. Die Keynote dort hielt Jörg Besier, Managing Director und Experte im Bereich Business Analytics bei Accenture. Er betont: „Man braucht das Talent hinter den Tools – Leute, die Mathematik beherrschen und in den Businesskontext übersetzen können.“ Konzerne sollten also nicht nur in Technologie investieren, sondern auch Kontakt zu Gründern aufnehmen, die es verstehen, der Technologie durch neue Ideen ein ertragreiches Einsatzgebiet zu geben.

So stärken Konzerne ihre Innovationskraft

Mögliche Kooperationspartner: Interessant ist der Schulterschluss mit Start-ups sowie Universitäten. Gerade an technischen Hochschulen entstehen um innovative Materialien oder Anwendungen herum oft kommerzielle Ausgründungen mit guten Geschäftsideen. 

Individuelle Charakteristika: Start-ups suchen disruptive Ideen und agieren mit hoher Risiko-bereitschaft sowie Veränderungsgeschwindigkeit. Rasche Gewinne sind weniger wichtig. Konzerne dagegen achten auf die Rendite, gehen geringere Risiken ein und handeln insgesamt vorsichtiger. Die Unterschiede müssen den Beteiligten klar sein. 

 

Externe Unterstützung: Sogenannte Brückenbauer helfen bei der Suche nach Partnern. Sie dienen als Puffer, um Konflikte durch kaum miteinander vereinbare Unternehmenskulturen zu reduzieren oder sogar zu lösen, und helfen dabei, die Risiken gemeinsamer Vorhaben zu verringern sowie Pilotprojekte unter anderem technisch zu begleiten.

Quelle: Bridgemakers: Guiding Enterprise Disruption through Open Innovation

 

Jede digitale Technologie muss zielgerichtet zur Entwicklung neuer Smart Services genutzt werden 

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