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Interview | Open Innovation „Nicht Verpackung, sondern Inhalt“

Immer mehr Unternehmen entdecken Open Innovation.
Wolfgang Weicht erklärt, was dieses TEDx-Konzept so
einzigartig macht und wie Konzerne davon profitieren.

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Wolfgang Weicht ist Executive Producer der TEDxRheinMain. Er versteht sich als Kurator für Ideen und bringt zu diesem Zweck in zwangloser Atmos-phäre Menschen zusammen, die sich dem Thema Innovation widmen wollen und aufgeschlossen für neues Denken sind – vom Firmengründer oder Manager bis zum Künstler und Politiker. Unter dem Thema „Datanauts – Decoding the Future“ beschäf-tigten sich beispielsweise zehn Teams mit der Frage, wie Big Data die Welt besser machen kann. 

INSIGHTS: Unter dem Kürzel TED (Technology, Entertainment & Design) finden seit 25 Jahren weltweit Konferenzen statt, bei denen Manager, Entrepreneure, Politiker, Künstler sowie Querdenker kurze Vorträge halten und Ideen aus verschiedensten Bereichen diskutieren. TEDx-Veranstaltungen, wie im September auf dem Campus Kronberg, ermöglichen diesen hierarchiefreien Austausch auch auf regionaler Ebene. Warum sollten Führungskräfte oder einfache Beschäftigte daran teilnehmen? 

Weicht: weil sie dort erleben, was vielen seit der Kindheit kaum noch passiert: einen Wow-Effekt. Erst hören sie in Impulsvorträgen etwas über ein für sie neues Thema oder lernen vermeintlich Bekanntes unter einem anderen Blickwinkel kennen. Was die Leute besonders interessiert, wird dann in Klein-gruppen besprochen, ohne Denkverbot und abseits ausgetretener Wege. Diese Art des Austauschs hilft dabei, endlich wieder über den Tellerrand zu blicken und ganz andere Möglichkeiten oder Ideen, etwa für Geschäftsmodelle oder Produkte, zu entdecken, die in der täglichen Routine und den üblichen Strukturen nie auffallen würden. Man kann manchmal fast sehen, wie jemand glänzende Augen bekommt, weil der Wow-Effekt ihm einen tollen Einfall beschert hat. 

INSIGHTS: Wer lässt sich darauf ein – Gründer, Entwickler, Professoren? 

Grundsätzlich ist jeder Mensch dazu fähig, gute Ideen zu haben, eine besondere technische Ausbildung benötigt er nicht. Man braucht Begeisterung für ein

Thema sowie die Offenheit, sich kreativ aus allen Richtungen damit zu beschäftigen. Daher dienen TED-Konferenzen als Mittler zwischen den Welten, bringen Techniker und Künstler oder Manager und Gründer oder Hochschule und Unternehmen zusammen. Wichtig für anregende Gespräche ist die richtige Mischung. 

INSIGHTS: Und wie erreichen Sie die? 

Weicht: Indem wir darauf achten, dass die Hälfte der Gäste das Prinzip TED schon kennt und die andere aus Neulingen besteht. Die treffen sich dann in lockerer Atmosphäre. Wir haben etwa mal ein Karottenklavier aufgebaut, und gestandene Manager begannen, begeistert darauf zu spielen wie kleine Kinder. Wichtig sind natürlich auch spannende Impulsreferate. Nach unserer Erfahrung reichen zwei oder drei inspirierte Vorträge, damit die Teilnehmer engagiert losdiskutieren. Entscheidend ist, dass sich alle auf Augenhöhe begegnen. Jeder redet ernsthaft mit jedem und nimmt ihn für voll, egal ob im Anzug oder mit 

Pulli und Flickenjeans. Es gilt der Grundsatz, dass es keine dummen Fragen gibt. In dieser Open Innovation liegt die Zukunft der Innovation, nicht in abgeschot-teten Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. 

INSIGHTS: Diese Art des hierarchiefreien Austauschs wäre in den meisten Konzernen derzeit allerdings noch undenkbar. 

Weicht: Dies kann sich durch den Einfluss von TED ändern. Manager lernen hier, dass sich offenes und ehrliches Argumentieren auszahlt und die Wirtschaft profitiert, wenn unkonventionelles Denken mehr Raum erhält und eine vermeintlich verrückte Idee eine Chance. Beim Datanauts Pitchday von TEDxRheinMain, der unter Beteiligung von Accenture stattfand, waren viele Gäste überrascht von den überzeugenden Präsentationen junger Unternehmer, die sich dem Motto „Decoding the Future“ verschrieben haben. Sogar Weltkonzerne mit ihren Strategie- oder Entwicklungsabteilungen voller Experten können sich da wertvolle Anregungen holen. 

INSIGHTS: Erste Großunternehmen erkennen das und wollen intern ähnlich strukturierte Innovationsevents oder Inkubatormodelle schaffen, um so die Kreativität der Organisation zu steigern. 

Weicht: Grundsätzlich mag die Idee richtig sein. Aber man darf nicht nur die Verpackung kopieren, sondern muss den Inhalt verstehen. wer über Nacht einen ganzen Konzern auf das Konzept von Open Innovation verpflichten will, wird scheitern. Wer sein Unter-nehmen als lebenden Organismus begreift und sich bewusst mit der Frage beschäftigt, an welcher Stelle und mit welchen Leuten solche unkonventionellen Denk- und Entwicklungsprozesse auf fruchtbaren Boden fallen, kann Großes erreichen. 

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