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Industrie 4.0 | Neue Geschäftsmodelle Mutig auf neues Terrain

Industrie 4.0 ist mehr als die intelligente Fabrik.
Produkte bleiben künftig nach der Auslieferung mit dem
Hersteller vernetzt und versorgen ihn permanent mit
wertvollen Daten. So können Unternehmen zusätzliche
internetbasierte Dienstleistungen 
entwickeln und weit
jenseits ihrer klassischen Branchengrenzen aktiv werden.

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Industrie 4.0 ist mehr als die intelligente Fabrik. Produkte bleiben künftig nach der Auslieferung mit dem Hersteller vernetzt und versorgen ihn permanent mit wertvollen Daten. So können Unternehmen zusätzliche internetbasierte Dienstleistungen 
entwickeln und weit jenseits ihrer klassischen Branchengrenzen aktiv werden.

Der Name Conti steht für die klassische Stärke der deutschen Autoindustrie. Durch Innovationen, Kooperationen und Fusionen wandelte sich der Konzern vom Reifenhersteller zum global agierenden Zulieferer für Systemlösungen im Bereich der Fahrzeugelektronik. Brems- und Sicherheitssysteme, Lösungen für Antriebsstränge oder Connectivity- und Infotainment-Angebote sind nun so wichtig wie Gummi. Also war logisch, dass Vorstandschef Elmar Degenhart zur IAA 2013 ankündigte, Autos stärker via Internet zu vernetzen und in neue Services zu investieren. Fahrzeughalter überdenken ihren Mobilitätsbedarf und erwarten von Fahrzeugen den Komfort und die Funktionen anderer intelligenter Geräte. Künftig sei, so Degenhart, „das Fahrzeug mit

dem Internet nicht nur verbunden, sondern ein Teil dessen. Vernetzte, intelligente Mobilität eröffnet ein enormes Potenzial für Innovation und die Umsetzung neuer Funktionen.“ Und neue Geschäftsmodelle für den Zulieferer. Durch Vernetzung wird er zum Sammler von Daten, durch den Einsatz von Big Data und Analytics zu ihrem Deuter. Mit diesen Informationen veredelt er seine Produkte durch neue Dienstleistungen für Autohersteller und Endkunden – vom Flottenmanagement über die Optimierung der Wartung bis zur Einbindung öffentlicher Verkehrsmittel in die Reiseplanung.

Neue Services durch Vernetzung

Damit steht der Name Conti auch für die Chancen der Industrie 4.0. Oft wird der Begriff auf die sich über cyberphysische Produktionssysteme (CPPS) selbst steuernde Fabrik reduziert, da er erstmals 2013 im Rahmen von Hannover Messe und CeBIT thematisiert wurde. Industrie 4.0 ist aber mehr als die Smart Factory. „Immer mehr Produkte laufen vom Band und

bleiben durch Chips oder Sensoren mit ihrem Her­steller verbunden, der umfassende aktuelle Informa­tionen aus aller Welt auswerten kann, die der Kunde selbst nie bekommen würde“, so Frank Riemensperger, Vorsitzender der Geschäftsführung von Accenture Deutschland. „Schon jetzt ist erkennbar, dass sich einzelne Technologien wie Embedded Chips, Mobility oder Big Data wie auf einer Perlenkette auffädeln und kombinieren lassen, um gerade in unseren Leitbranchen mit intelligent vernetzten Produkten und kontextbasierter Auswertung aller verfügbaren Informationen neue Geschäftsmodelle zu erschließen, die die Industrie massiv verändern.“ Deshalb hat die Deutsche Akademie der Technik­wissenschaften auch das Zukunftsprojekt „Internetbasierte Dienstleistungen für die Wirtschaft“ ins Leben gerufen.

Dienstleistungen werden wichtiger

Erste Unternehmen forcieren bereits Angebote, die zur Industrie 4.0 zählen und als Vorbild dienen können. Das Internet der Dinge, Daten und Services, in dem

Maschinen sowie Materialien kommunizieren und agieren, ist Realität. Derzeit gibt es rund zehn Milliarden Verknüpfungen zwischen Maschinen oder Produkten. 2020 sollen über 50 Milliarden Gegenstände vernetzt sein, die Daten speichern, via Internet verteilte Dienste nutzen oder produktbezogene Informationen senden, etwa zu

ihrem Lebenszyklus. So erleichtern sie es, neue Kundenwünsche zu erkennen, Prozesse zu beschleunigen, Produktivität zu steigern, Kosten zu reduzieren und Ideen für weitere Geschäftsmodelle zu finden. „Das Internet der Dinge und Dienste bietet ein immenses Innovationspotenzial“, meint Johannes Helbig, Chief Innovation Officer (CIO) der Deutschen

Post. „Wenn es uns gelingt, webbasierte Dienst­leistungen in Industrie 4.0 zu integrieren, haben wir dieses Potenzial ideal erweitert.“

Immer mehr Konzerne erkennen inzwischen die Bedeutung der Vernetzung zur Transformation ihres Geschäftsmodells oder zur Überwindung der klassischen Branchengrenzen. Durch die intelligente Kombination von Fertigkeiten und Fähigkeiten agieren sie in weiteren Feldern – vor allem mit dem Angebot neuer Dienstleistungen, die insbesondere getrieben sind durch permanente Weiterentwicklungen 
in allen IT-Bereichen. Dazu zählen unter anderem Services, die die individuelle Mobilität grundlegend verändern. Vernetzte Fahrzeuge, moderne Telematik sowie digitale Zugangssysteme ermöglichen es Herstellern wie BMW und Daimler, parallel zum Verkauf von Autos ihre kurzfristige Nutzung anzubieten.

DriveNow und Car2Go verwandeln klassische Produktions­betriebe in Serviceprovider, die anstelle traditioneller Vermieter mithilfe mobiler Datendienste

maßgeschneiderte Angebote zum teilweise auf wenige Stunden befristeten Einsatz machen.

Bosch ist Vorreiter im Kombinieren von Elektromobilität und Verkehrslenkung: In Singapur sorgt der Konzern dafür, dass Elektroautos rechtzeitig zum Aufladen an freie Stromtankstellen gelotst werden. Seine Software wertet die von Fahrzeugen und Ladestationen übermittelten Daten zu Standort, Ziel und Auslastung aus und errechnet mit Blick auf den Verkehr die beste Route. „Gerade in Megacitys werden die vielseitigen Möglichkeiten dieser integrierten Diensteplattform deutlich“, sagte zum Projektstart Franz Fehrenbach, damals Vorsitzender der Bosch-Geschäftsführung und jetzt Chef des Aufsichtsrats. Sind die entsprechenden Daten erst einmal vorhanden, könnten Betreiber zusätzlich als Dienstleister oder Joint-Venture-Partner etwa von Versicherungen für „Pay as you drive“-Angebote fungieren. Dabei orientiert sich die Versicherungsprämie an den über den Fahrstil des einzelnen Kunden verfügbaren Daten. Raser zahlen

mehr, vorsichtige Fahrer weniger. „Der deutsche Markt ist reif für so ein Telematikprodukt“, glaubt Jürgen Cramer, Vorstand der Sparkassen DirektVersicherungen.

Datenanalyse ist künftig ein Muss

Reif ist auch der Gesundheitssektor für Angebote, die Gerätehersteller zu Analytik- und Beratungspartnern machen. Hardwarelieferanten können Kunden mit Informationen zum passgenauen Einsatz ihrer Produkte oder mit neuen medizinischen Erkenntnissen versorgen. Sie werden gewonnen durch die laufende Auswertung von Daten, die die Geräte bei der Nutzung erzeugen und an den Hersteller übermitteln. Wer etwa Tausende von Röntgenbildern zentral und einheitlich analysieren kann, dürfte für viele Fragen ein Muster erkennen, das Informationen zur Verbesserung der Therapie liefert. Im Idealfall hilft das, die Diagnose vor Ausbruch der Krankheit zu stellen und eher mit der Behandlung zu beginnen.

Ähnliches gibt es im Maschinenbau: Der Werkzeugbauer Komet Group überwacht mit Sensoren und Vernetzung permanent den Einsatz seiner Produkte. So ist genau zu ermitteln, wann etwa ein Bohrer zu brechen droht und gewechselt werden sollte. Der Austausch zum optimalen Zeitpunkt spart Geld: Die Lebensdauer lässt sich voll ausnutzen, die Zahl der Produktionsunterbrechungen minimieren, das Risiko plötzlicher Ausfälle ebenso verringern wie die Vorratshaltung.

Umfassend verfügbare Informationen aus intelligenten Produkten sind auch wichtig im Product Lifecycle Management (PLM). Accenture offeriert hier Dienstleistungen, die der Industrie helfen, Produkte in einem End-to-End-Prozess von der Forschung bis zum Service effizient zu entwickeln, rasch auf den Markt zu bringen und leicht zu warten. Eine intelligente Rolltreppe von ThyssenKrupp etwa meldet ihren aktuellen Stromverbrauch. Das erlaubt dem Hersteller einen energieeffizienteren Betrieb und macht ihn zum Energieoptimierer für die Kunden oder dient als Basis

für Betreibermodelle, von denen Hersteller wie Nutzer profitieren. Anbieter wie Trumpf nutzen Daten, die ihre vernetzten Maschinen stetig liefern, nicht nur für die Fernwartung. Sie sammeln Erkenntnisse, um den Einsatz zu optimieren und neue Dienstleistungen zu entwickeln. So entstand etwa die App TruTops Fab, mit der Trumpf-Kunden ihre Produktion steuern können. Die Software zeigt den Status der Maschine, plant und überwacht Aufträge von der Programmierung über die Fertigung bis zur Auslieferung, verwaltet Bestände, Kundendaten, Angebote und Aufträge. So macht sie das PPS-System eines etablierten Softses überflüssig – und den Maschinenbauer zum IT-Dienstleister. Peter Leibinger, Mitglied der Trumpf-Geschäftsführung, sieht sogar die Chance, dass sein Unternehmen durch in Echtzeit gesammelte Daten eine Plattform zur optimalen Maschinenauslastung wird, indem es Kunden mit Auftragsspitzen über nicht ausgelastete Maschinen in anderen Firmen informiert, die sie dann buchen könnten: „Wenn man alle Blechfertiger in Deutschland kombiniert, die vernetzte Maschinen haben, könnte man Kapazitätsengpässe ausgleichen.“

Auf dem Weg zum Global Player

Auch für die Energiewende müssen Unternehmen in neue Bereiche vorstoßen und ihre Kompetenz mit den Qualitäten anderer kombinieren. Dies macht die Omnetric Group, ein Joint Venture von Siemens und Accenture. Die Erfahrung von Siemens im Netzbetrieb und das Accenture-Know-how im IT-Bereich sind die Basis zur Entwicklung maßgeschneiderter Lösungen für Stromkonzerne zum effizienten, versorgungs­sicheren Management intelligenter Netze, soge­nannter Smart Grids.

Zusammengeführt werden Betriebstechnologien der Versorger, Echtzeit-Netzmanagement und intelligente Verbrauchs­messung, falls nötig für jedes Gerät im Haus. Auch dies ist ein Aspekt der Industrie 4.0, in der alles vernetzt ist – was natürlich nur Vorteile hat, wenn man die Chancen nutzen kann. Beim Strom etwa helfen Demand-Response-Lösungen zur Verbrauchs­steuerung. Mit virtuellen Kraftwerken entstehen neue Geschäftsmodelle.

Meter Data Management zeigt Stromkunden ihre Nutzungsgewohnheiten und erleichtert energie-effizientes Verhalten. „Durch Integration neuer und bisher isolierter Anwendungen können Versorger die Netzstabilität verbessern und eine Brücke zum Echtzeit-Netzmanagement schlagen“, erklärt Jan Mrosik, CEO der Smart Grid Division von Siemens, die Leistungen, mit denen Omnetric die Energiekonzerne unterstützt.



Für Frank Riemensperger hat Deutschland beste Chancen, Global Player der Industrie 4.0 zu werden. „In ihren Leitmärkten konnten unsere Unternehmen schon immer komplexe, hochwertige Produkte herstellen“, so der Accenture-Deutschland-Chef. „Jetzt geht es darum, diese Produkte intelligent zu machen und um sie herum neue Servicegeschäftsmodelle zu entwickeln.“

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