Zum Magazin

Titelgeschichte | Digitale Plattform-Ökonomie Richtig Kontakt schaffen

Das Industrial Internet of Things verbindet
Produkte oder Anlagen untereinander und
mit dem Hersteller. Aus Daten zu Nutzung
und Kundenwünschen lassen sich Angebote
oder Geschäftsmodelle entwickeln.
Der rasche Aufbau eigener Plattformen
sowie die Kooperation mit den richtigen
Partnern werden im Wettbewerb entscheidend.

Artikel lesen

Früher war die Sache klar: Sprach der Manager eines Autokonzerns von seiner Plattformstrategie, meinte er die technische Basis, die sich mehrere Modelle teilen. Als Meister galt hier VW mit dem Modularen Längs-baukasten (MLB) und dem Modularen Querbaukasten (MQB). „Künftig werden alle Konzernfahrzeuge in den Segmenten Polo, Golf und Passat auf dem MQB basieren“, so VW-Chef Martin Winterkorn bei der Einführung in Wolfsburg. „Das sind über 40 Modelle und jährlich 3,5 Millionen Einheiten.“ So entstanden markenübergreifende Geschwister, etwa VW Polo, Audi A1, Seat Ibiza und Skoda Fabia oder VW Touareg, Audi Q7 und Porsche Cayenne. Ähnlich produzieren auch andere Hersteller.

Daten werden zum neuen Gold

Zwar ist dieses Konzept ein Schüssel zu agiler und kostengünstiger Fertigung. Bei Plattformen der Zukunft geht es aber um Digitalisierung, branchen-übergreifende Dienstleistungen und disruptive Geschäftsmodelle – auch in der Autoindustrie. 

Audi etwa integriert die Softwareplattformen Google Android Auto und Apple CarPlay ins Multi Media Interface (MMI). „Unsere Kunden wollen always on sein und vom Smartphone bekannte Dienste im Auto nutzen“, so Audi-Vorstand Ulrich Hackenberg. Noch weiter geht BMW mit der „Business Integration Platform“ (BIP). Fahrer erhalten im ConnectedDrive Store zu ihren Wünschen passende Apps oder Dienst-leistungen rund ums Auto, nutzbar in Echtzeit. Das erhöht Kundenbindung, Umsatz und Gewinn. Zudem bekommt BMW – zusätzlich zu den im Betrieb anfallenden Daten über Strecke, Fahrweise oder technischen Status des Wagens – Informationen über Vorlieben des Fahrers, die mit Partnern zum Entwickeln neuer Angebote genutzt werden können. Derlei internetbasierte, oft branchenübergreifende Plattformen für Dienstleistungen und Produkte entstehen momentan überall, von der Gesundheits-branche bis zur Landwirtschaft – organisiert oft mit Unterstützung innovativer Start-ups.

Frank Riemensperger nennt das den derzeit wichtigsten Trend der Wirtschaft. 

„Wir sehen gerade ein unglaubliches Wettrennen um die Betriebsdaten unserer weltweit eingesetzten intelligenten Produkte, vom Röntgenapparat über Blechbiegemaschinen bis zu Fahrzeugen“, so der Vorsitzende der Geschäftsführung von Accenture Deutschland. Dabei gehe es um mehr als die Fertigung intelligenter Produkte in intelligenten Fabriken: „Mit internetbasierten Service-Geschäftsmodellen entstehen Riesenchancen – hier kommt es darauf an, wer die Plattformen betreibt, an die intelligente Produkte angeschlossen sind, und Zugriff auf die Daten hat.“ Wer mit einfallsreichen Konzepten und passenden Partnern punktet sowie richtig vorgeht, sichert sich lukrative Schlüsselpositionen in der digitalen Wertschöpfungskette der Zukunft. Wer Daten leichtfertig hergibt oder die Digitalisierung verschläft, wird von innovativen Marktführern oder Angreifern aus anderen Bereichen marginalisiert.

Im Mittelpunkt dieser Szenarien steht das Industrial Internet of Things (IIoT), in dem sich Produkte und Anlagen untereinander sowie mit Plattformen in der 

Cloud austauschen und Details zu eigenen Eigen-schaften oder Funktionen ebenso teilen wie Daten, die sie über Käufer oder Nutzer sammeln. Die Hälfte der Kommunikation im Internet findet bereits autonom zwischen Dingen statt, die mit Sensoren und Sendern ausgestattet sind. Auch erfolgreiche Unternehmen arbeiten bald nicht mehr als isolierte Organisationen, sondern als Teil der digitalen „Wir-Ökonomie“. Sie basiert auf digitalen Plattformen und vernetzten Systemen, die die Grenzen unterschiedlicher Industriezweige verschwimmen lassen und große digitale Ökosysteme schaffen, in denen Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle oft gemeinsam entwickelt werden.

Fünf Trends prägen die Wirtschaft

Daher identifiziert die Accenture Technology Vision 2015 mit dem Titel „Digital Business Era: Stretch Your Boundaries“ fünf Megatrends, die es beim Entwickeln der digitalen Zukunftsstrategie unbedingt zu beachten gilt: 

  • Internet of Me: Vernetzte Produkte liefern umfassende Daten zur persönlichen Erlebniswelt der Nutzer, woraus sich sehr personalisierte Angebote entwickeln lassen.
  • Outcome Economy: Intelligente Hardware schließt Lücken zwischen digitaler und realer Welt. So ist ermittelbar, was der Kunde mit einem Produkt erreichen will, und dieses ergebnisorientiert konfigurierbar.
  • Platform (R)evolution: Digitale Industrie-plattformen werden zur Basis für Innovationen und disruptives Wachstum. Branchenübergreifende Kooperationen verschaffen den Partnern große Wettbewerbsvorteile.
  • Intelligent Enterprise: Big Data, Rechenleistung, Data Science und kognitive Technologien erlauben es Maschinen, ohne Steuerung durch Menschen zu entscheiden. Die Produktion wird agiler und individualisierter.
  • Workforce Reimagined: Mensch-Maschine-Schnittstellen in Form smarter Maschinen und Wearables ermöglichen neue Arten der Kooperation von Mensch und Maschine.

Konzerne müssen schneller agieren

Wie massiv das IIoT Wirtschaft und Unternehmen prägen wird, zeigt ein Vergleich von Ian Goldin. „Die Elektrizität hat grundlegend verändert, wie wir leben und arbeiten – die Transformation durch das Internet der Dinge wird von ähnlicher Tragweite sein“, sagt der Direktor der Oxford Martin School an der University of Oxford. Das fasst die Accenture-Studie „Winning with the Industrial Internet of Things“ in Zahlen: Das kumulative Bruttoinlandsprodukt in den USA könnte bis 2030 durch das IIoT um 7,1 Billionen US-Dollar zulegen, das deutsche um 700 Milliarden. Aber nur, wenn Regierungen und Betriebe gezielt in die nötige Infrastruktur und Innovationsoffensive investieren. Hier drohen die Deutschen den Anschluss zu verlieren, während die Schweiz im sogenannten NAC-Index zur Spitze gehört. Zwar sehen fast 80 Prozent der heimischen Manager die gravierenden Folgen der Digitalisierung, so die Accenture-Untersuchung „Mut, anders zu denken: Digitalisierungsstrategien der deutschen Top500“. Doch weniger als 20 Prozent geben der Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle 

höchste Priorität. 40 Prozent investieren bei Forschung und Entwicklung gar nicht in Digitalisierung. Dabei liegen die Chancen, die eigene Plattformen für digitale Ökosysteme mit intelligenten Services und Dienst-leistungen weit über das eigentliche Produkt hinaus bieten, auf der Hand. In der Autoindustrie sammeln die Hersteller mit ihren Fahrzeugen bereits

„Wir sehen gerade ein unglaubliches Wettrennen um Betriebsdaten weltweit eingesetzter intelligenter Produkte“

Daten über die Nutzer und machen damit, was die Technology Vision 2015 beschreibt. Sie werten individuelle Profile so aus, dass ein Auto bessere Ergebnisse liefert, also die Route genauer berechnet und am Ziel den Parkplatz reserviert. Oder ermöglichen Mobilität unabhängig vom eigenen Wagen via Carsharing. Kooperationspartner könnten mit den Daten der Plattform individuelle Angebote erstellen: Versicherungen berechnen aus dem Fahrstil 

günstigere Tarife. Haustechnikspezialisten bieten Apps, mit denen sich aus dem Auto die Heizung steuern lässt. Finanz-dienstleister ermöglichen bargeldloses Tanken und buchen die Rechnung am Monatsende ab. Unter-einander und mit der Cloud verbundene Autos sorgen selbstständig für besseren Verkehrsfluss, indem sie Routen laufend abgleichen. Sogar zur Mensch-Maschine-Schnittstelle wird das Auto, indem entsprechende Sensoren und Apps etwa den Gesundheitscheck am Steuer ermöglichen. Wer hier als Hersteller zu spät oder zu wenig investiert, muss sich womöglich als Juniorpartner einer anderen Plattform anschließen, statt die Schlüsselposition auf der eigenen Plattform einzunehmen.

Digitale Ökosysteme sind die Zukunft

Solche Plattformen funktionieren via IIoT auch im B2B-Geschäft. Der Landmaschinenhersteller Claas bietet mit „365FarmNet“ eine Software, die Landwirten die Arbeit erleichtert. Da Traktoren oder Mähdrescher mechanisch kaum zu verbessern sind, 

werden sie intelligent gemacht. Ein Dutzend Kooperationspartner hat Claas bereits für die Plattform, darunter Zulieferer von Spezialgeräten, Saatguthersteller, die Allianz und die European Global Navigation Satellite Systems Agency. Der Landwirt entscheidet, welche Dienstleistungen er nutzt und zahlt, um den Einsatz von Saatgut und Dünger oder das Ernten zu perfektionieren. In einem Claas-Mähdrescher kann das Fahrerassistenzsystem „Cemos“ etwa vom angeschlossenen Wetterpartner die Information erhalten, dass Regen droht. Dann steigert es automatisch das Tempo, um das Getreide schneller einzufahren. Der erhöhte Spritverbrauch kostet weniger als die sonst notwendige Trocknung. 

Das System empfängt nicht nur Daten, sondern sendet mithilfe von Sensoren auch Informationen etwa zur Bodenbeschaffenheit an die Plattform, damit in der nächsten Saison die optimale Menge an Dünger und Pestiziden eingesetzt werden kann. Via App erhält der Nutzer auf Basis hinterlegter Daten vom Saatgut-hersteller KWS passende Sortenempfehlungen. Daraus errechnet Zulieferer Amazone, Hersteller des 

Düngerstreuers, dann die richtige Einstellung seines Geräts. Aufgrund dieser vielfältigen Funktionen und der Möglichkeit, aus Informationen der anderen zu lernen, war es für KWS-Manager Christoph Bollmann logisch, sich dieser Plattform anzuschließen: „Wir sind ein innovatives Unternehmen und wollen als Pionier dabei sein.“ So zu denken rät Frank Riemensperger jedem Manager – verbunden mit der Empfehlung, sich künftig bewusst über vermeintlich natürliche Branchengrenzen hinwegzusetzen: „Erfolgreiche Entscheider konzentrieren sich nicht allein auf das interne Potenzial ihres Unternehmens, sie richten den Blick auch nach außen, um Teil eines digitalen Ökosystems mit den richtigen Partnern zu werden.“

www.accenture.com/techvision 

www.accenture.de/wachstum

 

So schaffen Sie neues Wachstum

Grenzen überschreiten: Fragen Sie ohne Tabu, welcher Service zu welchem Produkt den Kunden nutzt. Klären Sie, wie weit Ihr Konzern ist und wie er nötige Fähigkeiten entwickeln kann. 

Umfeld beobachten: Verfolgen Sie die Entwicklungen bei Geschäftspartnern. So sehen Sie, wo sich Chancen eröffnen und ob andere Verbündete Ihrer Zulieferer Ihnen gefährlich werden. 

Plattform entwickeln: Klären Sie, welche Services Sie auf welchem Kanal bieten. Schaffen Sie die technische Basis, und regeln Sie den Zugriff durch Entwickler, Zulieferer und Kunden. 

Chancen berechnen: Kalkulieren Sie Umsätze realistisch. In die Betrachtung gehören Kosten der Transformation sowie die Gestaltung von Preisen und Margen für Ihre neuen Produkte. 

 

Angebote verkaufen: Überzeugen Sie Vertriebspartner von den Vorteilen der neuen Produkte. Konflikte drohen, wenn Sie etwa Services online anbieten, die zuvor nur über Partner liefen. 

Datenschutz beachten: Respektieren Sie die Bedürfnisse der Kunden nach Datenschutz und Datensicherheit. Bei Produktstart müssen eventuell auftauchende Rechtsfragen geklärt sein. 

Mitarbeiter mitnehmen: Informieren Sie ausführlich, und offerieren Sie Schulungen für neue Aufgaben. Digitale Dienstleistungen verlangen von vielen Mitarbeitern große Umstellungen. 

www.accenture.com/GrowththroughIIoT

Navigation