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Digitalisierung | Smarte Geschäftsmodelle Blitzschnell jeden Faden aufnehmen

Digitale Technologien verändern die Wirtschaft grundlegend.
Mit ihnen lassen sich innovative Geschäftsmodelle und
Smart-Service-Angebote schneller starten sowie besser
kombinieren. Es gilt, sich an den Schaltstellen neuer
branchenübergreifender Wertschöpfungsketten zu
positionieren und die weitere Entwicklung zu bestimmen.

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Sie prägten für Generationen die Erinnerung der Menschen: Der „Kodak Moment“ stand für persönliche Erlebnisse, die im Bild festgehalten werden. Der „Kodak Vista Point“ zeigte, von wo Sehenswürdig- keiten am besten aussehen. Geschossen wurden Fotos mit einem Negativfilm, entwickelt mit Chemikalien, zum Ansehen vergrößert auf Spezialpapier. Die Eastman Kodak Company lieferte alles rund um Filme und Fotos und verdiente gut – bis Smartphone und Digitalkamera den Negativfilm plus dazugehöriger Chemikalien verdrängten und neue Drucker das Spezialpapier. 2012 war das 1892 gegründete Traditionsunternehmen, das einst Standards setzte, insolvent – ihm war der Sprung vom analogen ins digitale Zeitalter nicht gelungen. 

Heute müsste es „Cewe Color Moments“ geben. Die Cewe Stiftung & Co. KGaA wächst seit Jahren kontinuierlich und hat sich vom Experten für industrielles Fotofinish analoger Aufnahmen zum führenden Anbieter digitaler Fotoprodukte entwickelt. Früh wurde die Bedeutung des digitalen Geschäfts erkannt. „Als First Mover setzt Cewe Standards bei

der Einführung neuer digitaler Technologien und Produkte“, sagt der Vorstandsvorsitzende Rolf Hollander. „Immer wieder versorgen wir den Markt mit Impulsen.“ Mit der Cewe-Fotowelt-App etwa können die Kunden persönliche Fotos ganz leicht auf den Seiten eines individuell gestaltbaren Fotobuchs platzieren sowie mit eigenen Texten versehen und es direkt vom mobilen Endgerät aus bestellen. Wer Versandkosten sparen will, holt das Produkt beim Handelspartner seiner Wahl ab. 

Umbrüche gibt es in vielen Branchen: Neue Wett-bewerber setzten Platzhirsche unter Druck, die als unangreifbar galten – die Wirtschaft in der Ära von Internet der Dinge, Industrie 4.0 und Smart Services folgt anderen Regeln. Erfolgreich ist, wer es schafft, mithilfe digitaler Technologien die Prozesse oder Abläufe zu optimieren und Informationen so zu analysieren, dass sie beim Entwickeln innovativer Angebote und Geschäftsmodelle helfen. 

 

„Die Digitalisierung verändert Märkte, wie wir es seit Jahrzehnten nicht erlebt haben“, so Frank Riemensperger, Vorsitzender der Geschäftsführung von Accenture Deutschland. „Wer seine Chance nutzt, startet einen riesigen Wachstumsmotor für die nächsten fünf Jahre – die Digitalisierung eröffnet unglaubliche Möglichkeiten, um Produkte intelligent zu machen und so über den Verkauf hinaus mit Kunden in Kontakt zu bleiben.“ Das bestätigen die Ergebnisse der Accenture Technology Vision 2014, „Every Business Is a Digital Business – From Digitally Disrupted to Digital Disrupter“. Aktuelle Innovationen zeigen, was durch die Digitalisierung alles möglich wird. So entwickelten Experten von Philips und Accenture eine App als Kernstück eines Systems aus mobilen Geräten, sogenannten Wearables, mit dem bewegungsunfähige Patienten etwa einen Fernseher durch ihre Gedanken steuern können. 

Digitalisierung hat viele Facetten 

Wichtig ist, die Facetten und Potenziale der Digitalisierung zu verstehen. Smart Products sind intelligente Produkte, die beim Betrieb Daten via Internet übermitteln. Beim Antriebsspezialisten Wittenstein analysiert eine Steuerungseinheit die Informationen zum Zustand einer Werkzeugmaschine, etwa welcher Auftrag läuft oder ob ein Teil gewechselt werden muss. Umfassendes Lifecycle Management senkt die Kosten und erhöht die Einsatzbereitschaft. General Electric nutzt Daten aus Hunderten von Sensoren in Gasturbinen zur Effizienzsteigerung. Ein Prozent entspricht sechs US-Milliarden Dollar im Jahr. 

Hinter Smart Data stecken innovative Angebote und Geschäftsmodelle durch Verbindung mehrerer Datenquellen. Der französische Konzern Schneider Electric integriert Modelle zur Wettervorhersage in Lösungen zur Gebäudeautomatisierung. So passen sich Klimaanlagen an die erwartete Außentemperatur an. 

Über eine ähnliche Plattform ließe sich die Strom-versorgung steuern. Die Schweizer ABB-Gruppe plant die Koordination von verteilten Anlagen. Dezentrale Erzeuger werden per App gesteuert, überwacht und vermarktet. Die Kunden kaufen Strom auf Basis der Daten dann ein, wenn er billig ist. Der Anlagenbauer wird so zum Informationsbroker. 

Alles ist mit allem kombinierbar 

Smart Services sind intelligente Konzepte, die digitale und physische Dienstleistungen kombinieren. Das österreichische Unternehmen Rosenbauer, führender Hersteller von Feuerwehrtechnik, stattet seine Fahrzeuge mit einem mobilen Informations-managementsystem aus. So sind am Einsatzort auf Knopfdruck Daten aus vielen Quellen abrufbar, von Details zu Unfallort oder Autos bis zu aktuellen Wetterinformationen. Damit kann die Einsatzleitung ihr Vorgehen exakt planen. Auch in der Logistik

gibt es interessante Ideen. Airbus hat sich mit Rimowa, T-Systems sowie DHL und Hermes zusammengetan, damit der intelligente, vernetzte Koffer Bag2Go – gesteuert und verfolgt via privater Cloud – unabhängig vom Besitzer reist. So sind Flugzeuge besser ausgelastet und verlorene Gepäck-stücke gut zu finden. 

Der Einsatz digitaler Technologien macht solche Innovationen möglich. Neben der Verbindung der Produkte via Internet miteinander sowie mit einem Steuerzentrum inklusive permanentem Daten- austausch ist aber die Analyse gewonnener Informationen wichtig. Daher muss auch der sogenannte Smart Space stimmen, der IT-Einsatz in Form von Apps und Rechenzentren. 

Die Fluggesellschaft China Eastern verbreitet über ihren App-Store viele Miniprogramme für 50.000 Beschäftigte, die mit mobilen Geräten arbeiten. Dank der Apps kommt jeder komfortabel an Informationen, die er für die Arbeit braucht. Und bei BMW geht man 

davon aus, dass 2018 laufend Rückmeldungen aus zehn Millionen Fahrzeugen verarbeitet werden müssen, täglich geschätzt ein Terabyte. Daher steht der Zugriff auf große Speicher sowie leistungsfähige Analysesoftware ganz oben auf der IT-Agenda. 

Hier spielen Analytics/HANA und Cloud Computing als Teil der zunehmenden Digitalisierung ihre Rolle. Erfolgreich bleibt nur, wer die unter dem Motto Big Data gesammelten Informationen gut nutzt – also die richtige Frage stellt und mithilfe der Antwort Angebote oder Geschäftsmodelle entwickelt, die die Kunden begeistern. Entscheidend ist das Verständnis für die Käufer – auch sie können sich durch die Digitalisierung gut informieren und zeigen eine zunehmende Wechselbereitschaft, wenn ihre Wünsche nicht erfüllt werden. 

Der Deutschen Bank eröffnet das CrossSelling enorme Potenziale. Neue Arten der Datenanalyse verkürzten die Zeit zur Erkennung entsprechender Möglichkeiten in der Kundendatenbank von 45 Minuten auf fünf 

Sekunden. Die japanische Handelskette Yodobashi kombiniert Analytics mit Location-based Services zur Individualisierung der Angebote und berechnet für fünf Millionen Mitglieder im Kundenkartenprogramm zwei Sekunden nach Betreten des Geschäfts, welcher Rabattcoupon ihnen angedient wird. 

Plattformen werden wichtiger 

Auch komplexe Systemlösungen wie die europaweite Vernetzung von Ladestationen für Elektrofahrzeuge erfordern einen entsprechenden IT-Einsatz. Auf so einer Plattform verbinden sich dann nicht nur Betreiber einer Stromtankstelle, sondern zudem Anbieter von Mehrwertdiensten, etwa aus den Bereichen Geodaten und Telematik. Wichtig ist, wer den Schrittmacher gibt. „In einer so gearteten Smart-Service-Welt verschieben sich die Kontrollpunkte“, meint Henning Kagermann, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech). „Wer die Kunden- und Datenschnittstellen zu intelligent 

 

vernetzten Diensten und Produkten besetzt, hat den zentralen Kontrollpunkt geschaffen und wird geschäftlich profitieren – und wer sich nicht auf der Serviceplattform positionieren kann, an dem wird das Geschäft vorbeigehen.“ 

Digitale Technologien verändern auch Entwicklung und Produktion. Zwar ist der 3D-Drucker in jedem Haus Zukunftsmusik. Aber der VW-Tochter Ducati hilft er, den Zeitaufwand im Produktdesign zu halbieren. Und die Konvergenz verschiedener Industrien und Technologien erlaubt bisher Unvorstellbares. Siemens etwa kombiniert die Kompetenz der Sparte Healthcare in medizinischer Bildverarbeitung mit dem Know-how der Sparte Motion Control bei modernster Fertigung. Patientendaten aus Röntgenbildern werden zunächst in ein Knochen- und dann in ein Prothesenmodell umgewandelt. Diese Steuerdaten gehen an eine CNC-Maschine und werden binnen eines Tages direkt in der Fräsmaschine zur Herstellung eines patienten-spezifischen Implantats genutzt. Das macht patienten-spezifische Produkte zur Alternative für Standardprothesen.

So mancher Konzern muss aufholen 

Noch umfassender betrachtet Accenture das Thema und bietet Dienstleistungen für Product Lifecycle Management (PLM), die Industriekunden helfen, neue Produkte im End-to-End-Prozess von der Forschung bis zur Wartung effizienter entwickeln, eher auf den Markt bringen und leichter warten zu können. PLM ist ein Wegbereiter der zunehmenden Digitalisierung, mit dem sich aber noch lange nicht jedes Fertigungs-unternehmen beschäftigt, das dies eigentlich tun müsste. Daher sensibilisiert Walter Hagemeier die heimische Wirtschaft. „Die Unternehmen dürfen nicht übersehen, was um sie herum passiert“, meint der Geschäftsführer Strategy bei Accenture Deutschland. Sie sollten kritisch überprüfen, wie stabil ihre traditionellen Geschäfte sind und wie sich der Trend zur Digitalisierung sowie damit verbunden die zunehmende Bedeutung der Technologie für Wachstum nutzen lässt. Dringend empfiehlt er, genau zu studieren, wo man beim Entwickeln der digitalen Strategie, der digitalen Angebote und der digitalen

Fähigkeiten steht (siehe unten). „Unser neuer Digitalisierungsindex zeigt, dass viele Unternehmen die Zeichen der Zeit erkannt haben“, sagt Accenture-Deutschlandchef Riemensperger mit Verweis auf die neue Top500-Studie. „Aber andere müssen sich erst noch auf die neuen Realitäten einstellen.“ 

Der Digitalisierungsindex als Wegweiser zu mehr Erfolg 

Antworten auf folgende Fragen zeigen, wo man im Einsatz digitaler Technologien steht: 

Wie entwickelt ist die digitale Strategie?
Trend: Weiß das Unternehmen, wie stark die Digitalisierung seine Branche beeinflusst? 
Ziele: Wie sehr spiegelt sich die Digitalisierung in der Unternehmensstrategie wider? 

 

Wie entwickelt sind die digitalen Angebote?
Produkte: Welche intelligenten, smarten oder digitalen Produkte und Lösungen gibt es?
Dienstleistungen: Welche kundenorientierte, internetbasierte Dienstleistung existiert? 
Interaktion: Haben Kunden persönlichen Kontakt via Digitalkanäle und soziale Medien? 
Beratung/Vertrieb: Gibt es besondere Möglichkeiten zur digitalen Bestellung/Beratung? 
Service: Können die Käufer online ihre Order verfolgen oder Aftersales-Services nutzen? 

Wie entwickelt sind die digitalen Fähigkeiten? Geschäftsmodell/Organisation: Ist „digital“ ein Maßstab für Veränderungen? 
IT-Einsatz: Werden digitale Technologien/Methoden wie Big Data und Analytics genutzt? 
Prozesse/Abläufe: Spielen virtuelle Teams oder Videokonferenzen eine Rolle?

Quelle: „New Businesses, New Competitors: Germany’s Top500 and the Digital Challenge“ 

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